Das Buch Al-Milal wan-Nihal von Aš-Šahrastanī (548 n. H.) gilt als eines der vergleichsweise frühen und klassischen Werke, das sich durch ein beschreibendes und kategorisierendes Verzeichnen der verschiedenen inner- und außerislamischen Sekten, Strömungen und Gruppierungen auszeichnet. Der Autor führt dort an, die jeweiligen Dogmen und Überzeugungen der jeweiligen Gruppierungen entsprechend dem, was er in ihren Büchern vorfindet, zu verzeichnen und zu bewerten. Das scheint ihm jedoch nur teilweise gelungen zu sein, da er sich beispielsweise in Hinblick auf die Mušabbihah eher auf muʿtazilitische Quellen und ähnliche stützte, wie manche Muhaqqiqun des Buches und vor ihnen sogar Šaykhu l-Islām anführen.
Beachtet man zusätzlich, dass Aš-Šahrastanī die ʿAqīdah der Ašāʾirah vertrat und sich gar im Ilmu l-Kalām betätigte, sollte jedem klar sein, dass das Buch nicht unreflektiert und ohne eine gegebene Erwartungshaltung gelesen werden sollte.
Das Interessante in diesem Artikel ist jedoch nicht das Buch per se, sondern zwei Aspekte, die grundsätzlich mit dem Erscheinen des Buches zu tun haben:
1. Die erste gedruckte arabische Version des Buches erschien im Jahr 1649 in London; 200 Jahre später wurde sie dann im Jahr 1896 in Mumbai noch einmal gedruckt. Das ist insofern interessant, da das Buch vor der eigentlichen “Blüte” des Orientalismus und der Aufklärung gedruckt wurde und in einer Zeit, in der Europa noch christliche Glaubenskriege erlebte. In der damaligen Zeit gab es in der islamischen Welt handschriftliche Versionen des Buches, aber keine gedruckten.
2. Das Buch wurde 1842 auf Englisch übersetzt und gedruckt und acht Jahre später dann auch auf Deutsch übersetzt und unter dem Namen Religionspartheien und Philosophen‑Schulen veröffentlicht.
Womöglich sahen die Orientalisten in der Methodik Aš-Šahrastanīs einen Mehrwert, da er die jeweiligen Gruppen und Strömungen eher kategorisierte und beschrieb, ohne wirklich wertend oder “polemisch” zu werden. Aus innerislamischer Sicht ist eine solche Methodik überwiegend negativ aufzufassen, da die Suche nach der Wahrheit, der richtigen ʿAqīdah, und deren Verteidigung im Vordergrund steht.
Zusatz: einige Aussagen von Šaykhu l-Islām über die Methodik von Aš-Šahrastanī
Šaykhu l-Islām رحمه الله sagte:
“Im Allgemeinen zeichnet sich ab, dass aš-Šahrastānī eine Neigung zu den Schiiten hatte und das entweder aus seiner inneren Überzeugung heraus oder aus Schmeichelei ihnen gegenüben. Denn dieses Buch – das Buch al-Milal wa n-Nihal verfasste er für einen ihrer Führer und er hatte die Leitung seiner beiden Diwane inne. Und aš-Šahrastānī Absicht war somit, seine Zuneigung zu gewinnen. Wobei er in seinen anderen Büchern, den Madhab der Imāmiyyah widerlegt und zurückwies.”
Minhāju s-Sunnah (6/306)
Und er رحمه الله sagte:
“Die meisten Zitate von aš-Šahrastānī stammen aus den Aussagen der Mu’atazilah.”
Minhāju s-Sunnah (6/307)
Und er رحمه الله sagte:
So wird gesagt, dass aš-Šahrastānī und auch ihm ähnliche Autoren, die sich im Feld der Religionen und Strömungen (arab. Milal wa Nihal) betätigt haben, größtenteils von einander zitiert haben, wobei vieles von dem nicht wirklich überprüft und untersucht wurde.
Minhāju s-Sunnah (6/300)
Aufbauend auf den Aussagen von Šaykhu l-Islām, kann man folgende Dinge nachvollziehen:
1.Den geschichtlichen Kontext und den möglichen Grund für das Verfassen des Buches.
2.Eine mögliche Befangenheit des Autors in Hinblick auf bestimmte Themen oder Strömungen.
3.Das Zitieren von nicht untersuchten Sekundärquellen, die den Mu’atazilah oder anderen Gelehrten, die sich in diesem Feld betätigten, zugeschrieben werden.
Hinweis: Die Zitate stammen aus dem Buch “Minhaj as-Sunnah”, das eine Widerlegung gegen die Rawāfid bzw. Qadariyyah verfasst wurde. Sie sollten eben auch im Kontext einer Widerlegung verstanden werden




